Ursprung des Femininums im Indogermanischen Einleitung 1. Wohl mancher fragt bei diesem Thema, warum's von Interesse sei, ein solches Ding zu hinterfragen.Warum ist es nicht einerlei, ob ich des Femininums Werdung / an dieser Stelle will betrachten. Kann man das Maskulinum denn / und auch das Neutrum so verachten? 2. Dass im Indogermanischen / drei Genera wohl existierten, ist seit geraumer Zeit bekannt, weil alte Sprachen suggerierten, dass Nomina, Pronomina / und Adjektive so flektierten, dass sie meist festes Genus hatten / oder aber kongruierten. Die Evidenzen für einen speziellen Status des Femininums 3. Das Femininum ist jedoch / speziell dabei hervorzuheben, denn als die Ursprache zerbrach, schien's das noch nicht sehr lang zu geben. Die anatol'schen Sprachen werden - da Altertümlichkeit sie ziert und dort das Femininum fehlt - oft als Beleg dafür zitiert (vgl. Eichner 1985: 135f. - Fußnote 13). 4. Die Meinung, dass das Femininum / auch dort einmal vorhanden war, vertritt dagegen Heiner Eichner (ibid.). Die Argumente seien rar, dass dies, was oftmals angenommen, sich wirklich so verhalten kann. Der Ablaut spreche wohl dagegen. Zu weit'ren Evidenzen dann: 5. Es gibt in manchen alten Sprachen, die man indogermanisch nennt, den Fall, dass man an Adjektiven / nicht volle Kongruenz erkennt: Es tritt neben ein Substantiv, das feminines Genus hat, ein "maskulines" Adjektiv / an eines femininen statt. (Tichy 1993: 1) 6. Es scheint, als haben Adjektive / nur teils dies Genus neu erhalten - so müssen alle übrigen / den alten Status gut verwalten. Der feminine Endungssatz gleicht völlig drum dem maskulinen. Dies zeige, dass gesondert wohl / das Femininum sei erschienen. 7. Da die femininen Stämme - gilt es schließlich noch zu sagen - meist mit *-h2- gebildet werden (Tichy 1993: 2), muss man freilich zwingend wagen, die Entwicklung dieses Genus / mit dem Neutrum zu verbinden, dessen Pluralformen zeigen, dass auch hier *-h2- sich lässt finden. Das Kollektivum 8. Also ist das Femininum, wie sehr oft behauptet wird, aus einem Kollektiv entstanden - so auch - sagt man unbeirrt - Akkusativ und Nom'nativ / des Neutrum-Plurals gleichermaßen, an deren Stell' im Paradigma / zuvor wohl and're Formen saßen. (vgl. Tichy 1993: 2, Harðarson 1987: 78, etwas anders Eichner(1985: 150), der "Kollektiv" "Kompre- hensiv" nennt und als eigenständigen Numerus betrachtet.) 9. Der Kollektiv ist eine Bildung, deren Sinn darin besteht, dass man einzelne Objekte / ganz als Einheit nun angeht. Diese Bildung tritt grundsätzlich auf als Neutrum Singular, und vom Stamm ist anzunehmen, dass er mit *-e-h2- gebildet war (vgl. Tichy 1993: 5). (Es ist an dieser Stelle anzumerken, dass Nominativ und Akkusativ dieses Kollektivums keine Kasus- endung hatten. Generell verhält es sich im Indogermanischen so, dass die Nominativ- und die ent- sprechenden Akkusativformen des Neutrums identisch sind. Desweiteren ist anzumerken, dass -e- Themavokal des ursprünglichen Stammes darstellt, und *-h2- kollektivisches Derivationsaffix ist) Die Entwicklung des Nom./Akk. Pl. Neutrum 10. Die Bildung zu den Pluralformen / des Neutrums - das ist leicht zu sehen - soll hier in Suppletion der zwei genannten Fälle wohl bestehen. So geht bei diesem Formenwandel / ein Singular als Plural ein, was bei dem Sinn des Kollektivs / ziemlich plausibel sollte sein (Tichy 1993: 6). 11. Es wandelt sich im Folgenden / durch Einfluss von dem Laryngal, die Endung nun von *-e-h2 zu *-a-h2, und daraufhin wird noch einmal die Affixbildung leicht geändert (Tichy 1993: 5). Der Laryngal entfällt sobald, wodurch -a oder -ā entsteht, was hierin findet einen Halt. 12. Und weil der Singular des Kollektivs als Plural wurd' interpretiert, so zeigt sich, dass in mancher Sprache / ein Prädikat so kongruiert, als wär' des Satzes Subjekt denn / nicht Plural, sondern Singular, weil's in der Tat vor langer Zeit ein Kollektiv gewesen war (vgl. Harðarson 1987: 78) Die Entwicklung des Femininum gemäß Tichy 13. Die Entwicklung des dritten Genus, das man Femininum nennt, wird von Tichy(1993) genau betrachtet, weil sie wohl sehr gut erkennt, dass es nicht sehr einfach ist, genau und sicher aufzuzeigen, wie sich Neutrum und Commune / zum dritten Genus nun verzweigen. (Die zwei Genera, die vor der Entwicklung des Drei-Genus-Systems bestanden haben, werden oft Genus neutrum und Genus commune genannt, bei Tichy heißen sie Genus indistinctum und Genus distinctum.) 14. Dass vereinzelt Kollektiva irgendwann haben bekommen einen femininen Sinn, wird zu Anfang angenommen (Tichy 1993: 10f.). Doch dies bracht' das Femininum nicht dazu, nun zu entstehen. Bis es nämlich so weit ist, muss noch manches Ding geschehen. 15. Die Pronomina denn machen / hierzu einen wicht'gen Schritt, wobei insbesond're éin Pronomen in Erscheinung tritt. Stämme hat dieses Pronomen zweierlei denn: *só- und *tó-. Griechisch zeigt es als Artikel, Gotisch hat den Plural Þo. (vgl. Tichy 1993: 11) (Gotisch hat auch die Singularformen bewahrt, aber nur das Femininum reimt sich auf *tó-) 16. Wenn nun auf ein Kollektivum dies Pronomen referierte, war es so, dass das Pronomen / mit dem Plural kongruierte. Nom'nativ, Akkusativ / waren dann im Plural *tah2.. Doch das Femininum zeigt / beim ersten Fall der Einzahl *sah2. (ebd.) 17. Dieses *s- ist wohl dem and'ren Stamme dieses Worts entnommen. Durch Verschmelzung zweier Formen hat man diese Form bekommen. Der Akkusativ sodann, / dessen Form als *táh2-m man sieht ist gleich dem maskulinen *tó-m, das man also zu Rate zieht. (Tichy 1993: 11f.) 18. Die Kollektiva, deren Stamm mit *-e-h2 gebildet irgendwann, glichen im Akkusativ sich nun den neuen Formen an. Da auch weit're Kollektiva / analogisch nun erhalten diesen -m-Akkusativ, muss man feminin sie wohl verwalten. (Tichy 1993: 13) 19. Auch dem alten and'ren Genus / werden Wörter nun gestohlen. Später wird der Stamm sogar auf *ah2 gebildet, ganz verhohlen. Wenn sie nämlich in Bedeutung solchen Kollektiva gleichen, muss das maskuline Genus hier dem femininen weichen. (Tichy 1993: 13f.) 20. Auch die übrigen Pronom'na und so manches Adjektiv kriegen nun ein neues Genus, weil's bei *tó- ja so gut lief. (Tichy 1993: 14) So nahm die Genese wohl / des Femininums ihren Lauf, und ist sie auch so wundervoll, hört die Geschichte leider auf. Bibliographie: Eichner, Heiner (1985): Das Problem des Ansatzes eines urindogermanischen Numerus ‚Kollektiv’ (‚Komprehensiv’). In: Grammatische Kategorien, Funktion und Geschichte, Akten der 7. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft (1985: 134-169). Hg. Bernfried Schlerath. Wiesbaden. Harðason, Jón (1987): Zum urindogermanischen Kollektivum. In: Münchener Studien zur Sprach wissenschaft 48 (1987: 71-115). Tichy, Eva (1993): Kollektiva, Genus femininum und relative Chronologie im Indogermanischen. In: Historische Sprachforschung 106 (1993: 1-19).